9. Dezember 2021

Fröhliche Weihnachten!

Theaterszene
Was wäre, wenn? Charles Dickens‘ Weihnachtsklassiker zeigt uns, wie wir heute ersehnen, dass gute Wünsche magische Kräfte hätten: „Frohe Weihnachten!“ Foto: Paesler

Gartenstadt

Vielleicht ist es einfach bloß ein sehr moralisches Bühnenstück mit aufgehobenem Zeigefinger. Doch warum ist der Weihnachtsklassiker von Charles Dickens so beliebt? Mögen die Leute moralische Appelle?

Nein, aber man folgt gern einer Geschichte, in der Menschen mit sich so im Reinen sind, dass sie selbst ihrem Übeltäter nicht die Pest an den Hals, sondern ein frohes Fest wünschen; man müsste einmal zählen, wie oft in dem Stück „Fröhliche Weihnachten!“ gesagt wird. Wenn auf der Bühne ein Satz wiederholt wird, ist das so, wie wenn wir beim Schreiben etwas unterstreichen.

Tief in uns schlummert die Sehnsucht, einem guten Wunsch möge tatsächliche Wirkkraft innewohnen – wie einem Zauberspruch. Wer ihn ausspricht, dem sind möglicherweise magische Kräfte gegeben, mit denen er die Welt zum Guten hin verändert.

Beharrlichkeit zahlt sich ja manchmal aus. Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass selbst diejenigen, die unter dem bösen Mr Scrooge leiden, auf ihn anstoßen. Nicht offiziell und beflissen, sondern im privaten Kreis. Sie reden nicht so, damit Herr Hartherz das hört und sich ändert, sondern sie meinen es wirklich so – und am Ende wirkt es.

Die Regie des Zimmertheaters (Markus Muth) hat es verstanden, das Stück ohne Goldborte und Lametta zu inszenieren. Die angedeutete ironische Brechung mit den witzigen Heilsarmee-Frauen tat der Darstellung gut.

Im Übrigen ist es gelungen, die handelnden Personen einfach als Menschen zu spielen, in denen sich der Zuschauer wiederfinden kann. Andreas Burger mimte besonders in der ersten Szene glänzend den Geizhals Ebenezer Scrooge.

Die übrigen Akteure (Thorsten Köster, Peter Ziesche, Bettina Robl, Anna Marggrander) hatten Mehrfachbesetzungen, denen sie durchweg gerecht wurden. Die gesamte Ausstattung und Technik waren einfühlsam und versiert (Stefanie Szonn, Regieassistenz, Kay Peters und Konrad Zuber, Bühnenbild, Lisa und Susanne Bechtold, Kostüme, Markus Lampert, Licht und Ton).

Bleibt noch die Frage, ob das mit den insgesamt vier Geistern heute noch zeitgemäß ist. Beschränken wir uns dabei auf das, was eine Bühne uns zeigt und sagt. Wer in ein Theater geht, erwartet keine naturalistische Darstellung.

Die Charaktere werden zwar realistisch gespielt, aber deuten über sich hinaus. Dabei schwingt immer mit, was wäre, wenn. Die Imaginationskraft des Zuschauers wird gefordert, bedient werden dadurch unter anderem Hoffnungen und Träume. Gerade die pflegen wir in der gegenwärtigen Pandemie reichlich. Dürsten wir nicht danach, ein guter Geist käme aus dem Nichts und würde uns zeigen, was wir besser machen könnten?

In Dickens‘ Welt grassierte das Virus der Unbarmherzigkeit, der Autor wollte es mit seiner Erzählung bannen. Dabei ist bezeichnend, dass er die Wandlung nicht durch Magie bewerkstelligte, sondern durch einen Menschen, der seine Gesinnung und sein Handeln ändert.

Die Botschaft an uns könnte sein, offen zu bleiben für Anstöße, selbst wenn sie aus dem scheinbaren Nichts kommen. Wichtig ist allein, dass sich etwas zum Guten ändert. Dazu ist der Mensch durchaus in der Lage, darin ist „Fröhliche Weihnachten!“ sehr zeitgemäß.